Mit Kindereinfalt zur Kern-Erkenntnis

Das Festival "Nordische Impulse" im norwegischen Bergen strahlt bis nach Salzburg aus

 

BERGEN, 27. Mai

 

Zwischen "Bergen und Bayreuth, peripherer und Kern-Kunst" habe der Deutsche inzwischen zu unterscheiden gelernt, schrieb der Wagnerianer Rudolf Breithaupt 1903 höchstnäsig in einem Beitrag für die Zeitschrift "Die Musik" über Edvard Grieg. Doch wo tragen wir Kernkunstkenner unsere Nase heute, reichlich hundert Jahre später, nachdem George Steiner dem "alten, blutigen Europa" eine "Müdigkeit im Kern" attestiert hat? Werden wir nicht längst von der Peripherie überholt, wie ja bei allen Dingen, die um sich selbst kreisen, die Geschwindigkeit am Rande größer ist als in der Mitte?

Im norwegischen Bergen finden seit 1953 jedes Jahr Ende Mai, Anfang Juni Festspiele statt. Sie haben sich mittlerweile zum größten Mehrspartenfestival (Oper, Theater, Konzert) in Nordeuropa entwickelt. Während Katharina Wagner in Bayreuth angekündigt hat, dass es dort künftig kein "intellektuelles Geschwafel" mehr geben soll, hat in Bergen der amtierende Intendant Per Boye Hansen die Festspiele mit einem neuen Untertitel versehen: "Nordische Impulse". Mit welchem Recht dieses Motto geführt wird, belegt allein schon die Tatsache, dass Bertolt Brechts "Maßnahme", wie sie der Regisseur Tore Vagn Lid 2007 in Bergen herausbrachte, ein Jahr später bei den Salzburger Festspielen lief. Von wem also gehen Impulse aus, und wer empfängt sie? Salzburg jedenfalls wird schon seit Jahren kaum noch als Sender wahrgenommen (siehe F.A.Z. vom 22. Mai).

Und wie steht es um das "Nordische" dieser Impulse? Per Boye Hansen will das nur geographisch eingrenzen: "Bergen soll der wichtigste Treffpunkt aller kreativen Kräfte Nordeuropas sein." In diesem Jahr sind die schwedische Sängerin Anne Sofie von Otter, der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes und der dänische Komponist Bent Sørensen als prominente Skandinavier dabei. Im Theater wird der fünfzigste Geburtstag von Jon Fosse mit sieben Inszenierungen begangen.

Was das "Nordische" jedoch vom Rest der Welt unterscheidet, will Boye Hansen nicht bestimmen. Das sei eine Identität im Fluss, sagt er, und auch, dass man "Tradition immer neu befragen" müsse. Eigentlich eine grässliche Funktionärsphrase: In Deutschland hat man da stets das Gefühl, dass "die Tradition" erst weggesperrt werden müsse, bevor man sie "neu befragen" könne. Und nach simuliertem Ertränken darf die Tradition dann antworten, wobei von vornherein klar ist, dass "die Innovation" oder "Gegenwart" ihr gegenüber immer recht behält. Durch Krieg, Diktatur, politische Teilung in der Seele schrundig geworden, verrenkt sich der ästhetische Diskurs Mitteleuropas seit Jahrzehnten in dogmatischen Entgegensetzungen von Tradition und Moderne, Empathie und Reflexion. Und jeder affirmative Bezug auf Glaube, Heimat, Natur und Liebe wird entweder mit Ironie pariert oder unter Regressionsverdacht gestellt.

Doch dann, in Bergen, erlebt man ein Ende dieser Krämpfe, entdeckt man Verbindungen, wo man nur auf Brüche konditioniert war. Bent Sørensens Musik etwa ist so ein Bewusstseins- und Unterbewusstseinsstrom, aus dem Nichtbenennbares uns wie Langvertrautes angreift: sanft, traurig, rätselhaft klug. "Sounds like you" heißt sein neues Stück für zwei Schauspieler, Chor und Orchester, mit dessen Uraufführung die Festspiele begannen. Der Däne Peter Asmussen, Co-Autor von Lars von Trier bei "Breaking the Waves", hat den Text dazu geschrieben. Und filmisch-intim wirkte dieses originelle Melodram auch, obwohl die räumliche Verteilung von Chor und Orchester der Bergener Philharmoniker unter Eivind Gullberg Jensen dem Filmischen eher entgegenstand.

In der Regie von Katrine Wiedemann spielen Trond Espen Seim und Anne Dahl Torp einen Mann und eine Frau, die im Konzert sitzen und sich voneinander angezogen fühlen. Suchen und Fliehen, Sehnsucht und Missverständnis im Verliebtsein werden hier skizziert, aber zugleich auch Fragen des Hörens: Kann ich mich auf Musik konzentrieren, wenn ich den Menschen sehe, den ich liebe? Wie verknüpft sich Musik mit Erfahrungen und weckt diese später wieder als Erinnerungen? Pointiert hat Asmussen das so zugespitzt: "Was würde ich hören, wenn ich dich sähe?" Fast könnte man sagen, Sørensen habe eine orchestrale "Sonate von Vinteuil" geschrieben, die in Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" die Liebe zwischen Charles Swann und Odette de Crécy durchtränkt, aber die Ereignisse nie illustriert.

Träumerisch komplex, mit Clustern, Live-Elektronik und Geräuschen spricht Sørensen eine Sprache, die nicht erborgt ist und dennoch Sprache bleibt, die ihre Eigengesetzlichkeit wahrt und sich doch ihres Weltbezugs, ihrer Lebensspuren nicht schämt. Als zwei Tage später der Norwegische Solistenchor unter Grete Pedersen in der Håkonshalle aus dem 13. Jahrhundert neue Stücke von Sørensen sang und sich das weiße Licht des Frühsommerabends in die mannsdicken Granitlaibungen gotischer Fenster schmiegte, da wurde man von der Intensität seines "Benedictus", den kreisenden Klängen der im Raum verteilten Stimmen geradezu durchbohrt.

Solcher Erfahrungen wegen kann einem Bergen teuer werden. Auch bei Jon Fosses Stück "Skuggar" ("Schatten"), realisiert von der Truppe "De Utvalgte" ("Die Auserwählten"): Die Sprechenden wurden per Video auf Kunststoffköpfe vor ein Filmbild mit Bäumen im Wind projiziert. Theater, Video und Skulptur verschmolzen. Und obwohl die Figuren über lange Lebensschicksale Auskunft gaben, waren sie samt und sonders kleine Kinder. Der Sinn dieser Verfremdung enthüllte sich zaghaft: Menschen begegneten sich da nach dem Tod wieder. Und in diesem Jenseits tappten sie im Dunkeln. Ihre Lebenserfahrung half ihnen nicht weiter. Mit avancierten Mitteln der Kunst wurde hier einer alten Botschaft neue Geltung verschafft: dass man zu mancher Kernerkenntnis erst gelangt, wenn man wieder wie die Kinder wird. Wer sagt, das sei Regression, dem ist nicht mehr zu helfen.  

JAN BRACHMANN

 

Text: F.A.Z., 28.05.2009, Nr. 122 / Seite 33